Der Stand der Technik (State of the Art – SOTA) ist ein entscheidender, aber häufig missverstandener Bestandteil von klinischen Bewertungsberichten (CERs) im Rahmen der EU-Medizinprodukteverordnung 2017/745. Obwohl die MDR die Berücksichtigung des allgemein anerkannten Stands der Technik fordert, bietet sie keine vorgeschriebene Definition. Dies führt dazu, dass benannte Stellen bei der Beurteilung von Sicherheit, Leistung und Nutzen-Risiko-Schlussfolgerungen genau prüfen, wie der Stand der Technik definiert, begründet und angewendet wird.
Die Erfahrung aus MDR-Audits zeigt, dass allgemeine oder veraltete SOTA-Beschreibungen eine häufige Ursache für Beanstandungen sind, insbesondere wenn sie zur Begründung der Äquivalenz, der Evidenzdichte oder des Fehlens klinischer Prüfungen herangezogen werden. Folglich ist die Fähigkeit, den Stand der Technik innerhalb eines robusten Rahmens für die klinische Bewertung klar zu definieren und anzuwenden, für die Einhaltung der EU MDR unerlässlich geworden.
Warum SOTA bei der klinischen Bewertung nach MDR wichtig ist
Der Stand der Technik (SOTA) fungiert unter der EU MDR eher als regulatorischer Maßstab denn als reines Beschreibungskonzept. Benannte Stellen erwarten von Herstellern den Nachweis, dass ihr Medizinprodukt auf Basis bestehender Technologien, medizinischer Erkenntnisse und verfügbarer Alternativen der aktuellen klinischen Praxis entspricht oder diese übertrifft. Diese Erwartung zieht sich durch die Anforderungen an die klinische Bewertung gemäß EU MDR, das Risikomanagement und die Nutzen-Risiko-Analyse. Die MDCG-Leitlinien betonen, dass SOTA die aktuelle Praxis und keine veralteten Normen widerspiegeln muss, um vertretbare Schlussfolgerungen zu stützen.
Häufige Fehlinterpretationen des Stands der Technik
Zu den häufigsten Herausforderungen in CERs gehört die Fehlinterpretation dessen, was SOTA unter der EU MDR darstellt. Benannte Stellen stellen SOTA-Abschnitte häufig infrage, die sich auf Normen, begrenzte Vergleiche mit Mitbewerbern oder breite Literaturrecherchen ohne klare klinische Relevanz stützen.
SOTA wird nicht definiert durch:
- Minimale regulatorische Anforderungen
- Das Portfolio an Legacy-Produkten des Herstellers
- Eine enge Auswahl von Mitbewerberprodukten
Stattdessen repräsentiert SOTA das aktuelle Niveau der klinischen Praxis, geprägt durch wissenschaftliche Erkenntnisse, etablierte klinische Leitlinien und reale Ergebnisse (Real-World Outcomes). Diese Unterscheidung ist entscheidend für das Festlegen aussagekräftiger Leistungsbenchmarks und die Begründung von Restrisiken im Rahmen der klinischen Bewertung.
Regulatorische Erwartungen an die Definition von SOTA
Obwohl die MDR den Begriff SOTA nicht explizit definiert, sind die regulatorischen Erwartungen durch maßgebliche Leitlinien klar geregelt. MEDDEV 2.7/1 Revision 4 – Klinische Bewertung prägt weiterhin die Bewertungen benannter Stellen, indem sie betont, dass Medizinprodukte im Vergleich zur aktuellen klinischen Praxis und verfügbaren Alternativen bewertet werden müssen.
Ebenso betont MDCG 2020-6, dass klinische Evidenz im Kontext aktueller Maßstäbe betrachtet werden muss, um die Nutzen-Risiko-Bewertung und Leistungsbeurteilung zu unterstützen. Zusammengenommen machen diese Quellen deutlich, dass SOTA im Bericht über die klinische Bewertung klinisch relevant, evidenzbasiert und transparent begründet sein muss.
Ein praktischer Rahmen zur Festlegung von SOTA in CERs
Ein robustes SOTA-Framework in CERs beginnt mit der präzisen Definition des medizinischen Zustands, der Zweckbestimmung und der klinischen Angaben. Hersteller müssen alle klinisch anerkannten Behandlungsoptionen ermitteln, einschließlich vergleichbarer Medizinprodukte, Referenzprodukte und Alternativen ohne Medizinprodukt. Dieser breite Ansatz stellt sicher, dass SOTA den aktuellen Stand der medizinischen Wissenschaft widerspiegelt, klare Maßstäbe für Sicherheit, Leistung sowie Nutzen und Risiko bietet und so häufige Mängelrügen benannter Stellen reduziert.
Wissenschaftliche Fachliteratur spielt in diesem Prozess eine zentrale Rolle. Die systematische Identifizierung und Bewertung von fachlich begutachteten Studien, klinischen Leitlinien und Konsenserklärungen hilft dabei zu bestimmen, welche Ergebnisse, Sicherheitsprofile und Leistungsniveaus in der aktuellen Praxis als akzeptabel gelten. Gut strukturierte Protokolle für Literaturrecherchen zu Medizinprodukten und kritische Bewertungen bilden daher die Grundlage für glaubwürdige SOTA-Definitionen.
SOTA als Maßstab für Sicherheit und klinische Leistung nutzen
Sobald SOTA festgelegt ist, muss dieser Standard im Bericht über die klinische Bewertung aktiv angewendet werden. Benannte Stellen erwarten von Herstellern, dass sie darlegen, wie ihr Medizinprodukt im Hinblick auf Sicherheitsergebnisse, klinische Vorteile und bekannte Risiken im Vergleich zu SOTA abschneidet.
Dieser Vergleich sollte explizit statt implizit erfolgen. Leistungsansprüche, Äquivalenzargumente und Schlussfolgerungen zum Nutzen-Risiko-Verhältnis sollten alle im definierten SOTA-Rahmen verankert sein. Wenn ein Medizinprodukt SOTA nicht übertrifft, sollte der CER klar darlegen, dass es die aktuellen klinischen Erwartungen erfüllt, und erklären, weshalb etwaige beobachtete Unterschiede die Patientensicherheit oder den klinischen Nutzen nicht beeinträchtigen.
Dieses Maß an Transparenz ist von zentraler Bedeutung für eine robuste klinische Bewertung von Medizinprodukten und verringert Unklarheiten bei der Bewertung durch benannte Stellen.
SOTA, Artikel 61 und die Hinlänglichkeit der Evidenz
SOTA spielt eine entscheidende Rolle beim Nachweis ausreichender klinischer Evidenz gemäß Artikel 61 der MDR. Wenn sich Hersteller auf Literatur, Äquivalenzen oder Post-Market-Daten stützen, prüfen die benannten Stellen, ob die Evidenz im Licht des aktuellen SOTA-Standards ausreicht.
Wenn der definierte SOTA-Standard über die im CER verwendete Evidenzbasis hinaus fortgeschritten ist, können benannte Stellen die Hinlänglichkeit der klinischen Daten selbst bei seit Langem am Markt befindlichen Medizinprodukten infrage stellen. Dies macht SOTA zu einem dynamischen Referenzpunkt statt zu einer statischen Beschreibung und unterstreicht die Notwendigkeit regelmäßiger Neubewertungen im Rahmen laufender Aktualisierungen der klinischen Bewertung.
Lebenszyklusbetrachtungen und Pflege des SOTA-Standards
Der Stand der Technik ist zum Zeitpunkt der Zertifizierung nicht unveränderlich. Da neue Therapien auf den Markt kommen, sich Normen weiterentwickeln oder klinische Leitlinien ändern, können sich die SOTA-Anforderungen verschieben. Benannte Stellen erwarten zunehmend von Herstellern, dass sie sich dieser Änderungen bewusst sind und deren Auswirkungen auf bestehende klinische Bewertungen beurteilen.
Die Integration der SOTA-Überwachung in das Lebenszyklusmanagement von Medizinprodukten stellt sicher, dass CERs im Einklang mit dem aktuellen klinischen Wissen bleiben. Dies ist besonders wichtig für Aktualisierungen von PMS, PMCF und PSUR, bei denen neu auftretende Sicherheits- oder Leistungsdaten die SOTA-Landschaft verändern können.
SOTA-Herausforderungen für SaMD und KI-basierte Medizinprodukte
Die Definition von SOTA ist besonders komplex für Software as a Medical Device (SaMD) und KI-gestützte Technologien, bei denen sich die klinische Praxis und die technologischen Möglichkeiten rasch weiterentwickeln. In diesen Fällen kann SOTA eher durch Leistungs-Benchmarks von Algorithmen, klinische Validierungsstudien und Daten aus der realen Anwendung als durch herkömmliche vergleichbare Medizinprodukte bestimmt werden.
Die regulatorischen Erwartungen in diesem Bereich werden zunehmend geprägt durch IMDRF-Leitlinien zu Software as a Medical Device (SaMD) sowie durch breitere Perspektiven der Europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA) zu digitaler Gesundheit und künstlicher Intelligenz. Hersteller müssen klar darlegen, wie SOTA in diesem sich entwickelnden Kontext definiert wird und wie laufende Aktualisierungen gehandhabt werden.
Fazit: Stärkung von CERs durch einen verteidigbaren SOTA-Standard
Unter der EU MDR ist SOTA ein wesentlicher Maßstab für die Beurteilung der Sicherheit, der klinischen Leistung und der Akzeptanz des Nutzen-Risiko-Verhältnisses. Benannte Stellen erwarten, dass SOTA im CER klar definiert, evidenzbasiert und aktiv angewendet wird.
Die Betrachtung von SOTA als dynamischen, klinisch fundierten Maßstab hilft Herstellern, ihre klinische Evidenz zu untermauern und behördlichen Prüfungen standzuhalten. Ein strukturiertes SOTA-Framework stärkt die Glaubwürdigkeit des CER und unterstützt die langfristige Konformität bei der Weiterentwicklung der klinischen Praxis.
Wie Freyr SOTA bei der klinischen Bewertung unterstützt
Die Erstellung und Pflege eines verteidigbaren SOTA-Frameworks erfordert tiefgehendes klinisches Fachwissen, regulatorische Expertise und eine strukturierte Bewertung von Evidenz. Freyr unterstützt Hersteller dabei, einen SOTA-Standard im Einklang mit der aktuellen klinischen Praxis zu definieren, literaturbasierte Benchmarks in CERs zu integrieren und Fragen benannter Stellen zu Sicherheits- und Leistungsvergleichen zu beantworten.
Die Expertinnen und Experten von Freyr tragen dazu bei, dass SOTA über den gesamten Produktlebenszyklus hinweg aktuell, transparent und im Einklang mit den Erwartungen aus Artikel 61 bleibt. Für Unterstützung bei SOTA, der Strategie zur klinischen Bewertung oder der CER-Sanierung im Rahmen der EU MDR sprechen Sie mit einer Expertin oder einem Experten von Freyr, um Ihre spezifischen regulatorischen Herausforderungen zu besprechen.

