Klinische Bewertungsberichte (CERs) sind ein zentrales Element der Konformitätsbewertung im Rahmen der EU-Medizinprodukteverordnung 2017/745. Obwohl Anhang XIV die formalen Anforderungen für die Durchführung und Dokumentation der klinischen Bewertung festlegt, zeigt die Praxis bei EU MDR-Audits immer wieder, dass die reine Einhaltung von Anhang XIV den Erwartungen der Benannten Stellen selten genügt. Benannte Stellen konzentrieren sich zunehmend darauf, ob ein CER vertretbare, auf dem Produktlebenszyklus basierende klinische Daten anstelle von bloßer formaler Vollständigkeit nachweist.
Diese Entwicklung spiegelt die regulatorische Absicht der MDR wider: Es soll sichergestellt werden, dass klinische Daten die Sicherheit und Leistung während des gesamten Produktlebenszyklus aussagekräftig untermauern. Das Verständnis der Erwartungen Benannter Stellen, die über den Anhang XIV hinausgehen, ist daher für Hersteller unerlässlich, die sich im Rahmen von Medizinprodukten mit der MDR-Zertifizierung, Überwachungsaudits und MDR-Umstellungsaktivitäten befassen.
Von der strukturellen Konformität zur Nachweisbarkeit von Daten
Anhang XIV bietet einen wesentlichen Rahmen, definiert jedoch nicht die Qualität, Relevanz oder den kontextbezogenen Aussagewert der klinischen Daten, die für ein robustes CER erforderlich sind. Infolgedessen stellen Benannte Stellen häufig fest, dass CERs zwar technisch vollständig sind, aber die Auswahl der Daten nicht ausreichend begründen, Einschränkungen nicht darlegen oder die Gültigkeit von Schlussfolgerungen im Zeitverlauf nicht erklären.
Dieser regulatorische Wandel spiegelt sich in den Leitlinien der Medical Device Coordination Group (MDCG) zur klinischen Bewertung und zur Überwachung nach dem Inverkehrbringen wider, in denen betont wird, dass die klinische Bewertung iterativ erfolgen und anhand neuer klinischer Daten sowie Daten aus der Marktbeobachtung kontinuierlich aktualisiert werden muss. Ähnlich betrachten die Ressourcen der Europäischen Kommission zur Umsetzung der MDR die klinische Bewertung durchgehend als Teil eines integrierten Datensystems und nicht als statischen Bericht.
Folglich wird die klinische Bewertung zunehmend im Rahmen umfassenderer Ansätze zur klinischen und Leistungsbewertung betrachtet, bei denen klinische Daten, Risikomanagement und Marktbeobachtungsdaten kohärent entwickelt und gepflegt werden – im Einklang mit den Anforderungen der EU MDR an die klinische Bewertung und klinische Evidenz.
Wie Benannte Stellen klinische Bewertungsberichte prüfen
Die Prüfer der Benannten Stellen bewerten, wie überzeugend das CER die Konformität mit den grundlegenden Sicherheits- und Leistungsanforderungen (GSPR) nachweist und ob die klinischen Daten mit dem Verwendungszweck und dem Risikoprofil des Produkts übereinstimmen. Dies bildet die Grundlage für die Stellungnahme der Benannten Stelle.
Ein aussagekräftiges CER beschreibt und erklärt klar die Datenauswahl, die Bewertung von Unsicherheiten sowie Einschränkungen und zeigt, wie die Gesamtheit der Daten die Aussagen zu Sicherheit und Leistung untermauert. Diese Erwartungen decken sich weitgehend mit der MEDDEV 2.7/1 Revision 4, die trotz ihres Ursprungs unter den Medizinprodukterichtlinien (MDD) weiterhin die Bewertungen der Prüfer Benannter Stellen beeinflusst.
Diese inhaltliche Kohärenz ist nach wie vor von grundlegender Bedeutung für eine robuste klinische Bewertung von Medizinprodukten im Rahmen der MDR.
Literaturrecherche als Kernelement klinischer Daten
Benannte Stellen verlangen inzwischen ein hohes Maß an Strenge bei Literaturrecherchen, da diese als Grundstein für den Nachweis der klinischen Leistung und Sicherheit gemäß der EU MDR gelten. Sie erwarten einen systematischen, reproduzierbaren und unvoreingenommenen Suchprozess, bei dem jeder Schritt – von Suchstrategien und Datenbanken über Ein- und Ausschlusskriterien bis hin zu Bewertungsmethoden – transparent dokumentiert wird. Werden diese Standards nicht eingehalten oder wird Literatur verwendet, die nicht aktuell oder für die klinischen Fragestellungen relevant ist, ist dies ein Hauptgrund für Beanstandungen im Rahmen der Prüfung und gehört zu den am häufigsten von Prüfern angeführten Mängeln.
Diese Erwartungen werden international durch die IMDRF-Leitlinie zur klinischen Bewertung bekräftigt, in der eine strukturierte Literaturbewertung als Grundlage für die Datengenerierung genannt wird. Gut definierte Methoden zur Literaturrecherche spielen daher eine entscheidende Rolle für die Glaubwürdigkeit eines CER, insbesondere wenn nur begrenzte klinische Prüfungen vorliegen.
Definition des Stands der Technik (SOTA) im Rahmen der MDR
Der Stand der Technik (SOTA) ist zu einem entscheidenden Element der klinischen Bewertung geworden, wobei Benannte Stellen allgemeine oder veraltete Beschreibungen kritisch bewerten, insbesondere wenn sie Äquivalenz- oder Leistungsansprüche stützen sollen.
Eine aussagekräftige SOTA-Analyse erläutert den aktuellen Stand von medizinischem Wissen, Technologien und klinischer Praxis und zeigt, wie das betreffende Produkt im Vergleich zu anerkannten Standards abschneidet. Schwache oder unzureichend belegte SOTA-Analysen schwächen häufig Äquivalenzargumente und werfen Fragen zur klinischen Relevanz auf.
Artikel 61 und der Nachweis ausreichender klinischer Daten
Artikel 61 der EU MDR verlangt von Herstellern den Nachweis ausreichender klinischer Daten zur Bestätigung der Konformität. Dies stellt insbesondere bei Bestandsprodukten sowie bei Produkten, die auf Äquivalenz basieren, eine Herausforderung dar. Benannte Stellen erwarten von CERs, dass sie die Ausreichendheit klar begründen, Datenlücken aufzeigen und verbleibende Unsicherheiten adressieren. Die historische Marktverwendung allein reicht selten aus; Hersteller müssen einen strukturierten, datenbasierten Ansatz verfolgen, der im Einklang mit MDCG 2020-6 steht und den Anforderungen der EU MDR an klinische Bewertung und klinische Evidenz entspricht.
Klinische Bewertung über den gesamten Produktlebenszyklus
Eine zentrale Anforderung der MDR besteht darin, dass die klinische Bewertung während des gesamten Produktlebenszyklus mit den Daten aus der Marktbeobachtung im Einklang bleiben muss. Benannte Stellen überprüfen routinemäßig die Konsistenz zwischen den CER-Schlussfolgerungen, den PMS-Daten, den PSURs und den PMCF-Aktivitäten. Inkonsistenzen deuten häufig auf ein fragmentiertes Datenmanagement hin. Die Einbindung der klinischen Bewertung in das Lebenszyklusmanagement unterstützt die Rückverfolgbarkeit und stellt sicher, dass die Schlussfolgerungen stets aktuell und vertretbar bleiben – im Einklang mit MDCG 2020-7.
Neue Anforderungen an SaMD und KI-basierte Medizinprodukte
Software as a Medical Device (SaMD) und KI-gestützte Technologien machen die klinische Bewertung von Medizinprodukten noch komplexer. Zwar gelten die Grundsätze der MDR, doch Benannte Stellen legen ein verstärktes Augenmerk auf die Validierung der klinischen Leistung, die Transparenz von Algorithmen und die Verwaltung iterativer Aktualisierungen.
Diese Erwartungen stehen im Einklang mit der IMDRF-Leitlinie zu Software as a Medical Device (SaMD) und breiteren regulatorischen Perspektiven der Europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA) zu digitaler Gesundheit und künstlicher Intelligenz.
Fazit: Neuausrichtung der klinischen Bewertung unter der EU MDR
Unter der EU MDR werden CERs nicht mehr nur anhand der Einhaltung von Anhang XIV beurteilt. Benannte Stellen erwarten wissenschaftlich fundierte, transparente und kontinuierlich gepflegte klinische Daten, die die aktuelle klinische Praxis und reale Erfahrungen widerspiegeln.
Hersteller, die die klinische Bewertung als einmalige Aufgabe betrachten, stehen oft vor wiederkehrenden Herausforderungen hinsichtlich der Validität, Relevanz und Nachvollziehbarkeit der Daten. Wer hingegen einen lebenszyklusorientierten Ansatz verfolgt, der auf den Leitlinien der Europäischen Kommission, der MDCG, von MEDDEV, des IMDRF und der EMA basiert, ist besser gerüstet, um die Erwartungen der Benannten Stellen zu erfüllen und die langfristige Konformität sicherzustellen.
Wie Freyr die klinische Bewertung unter der EU MDR unterstützt
Die Navigation durch die klinische Bewertung nach EU MDR erfordert wissenschaftliche Strenge, methodische Konsistenz und eine Lifecycle-Evidenzstrategie. Freyr unterstützt Hersteller bei der Erstellung und Überarbeitung von CERs, Gap-Analysen, literaturbasierten Bewertungen und der Abstimmung mit Post-Market- und Risikomanagementprozessen.
Die Experten von Freyr arbeiten eng mit Herstellern zusammen, um auf das Feedback Benannter Stellen zu reagieren, die Daten gemäß Artikel 61 zu stärken und komplexe Technologien wie SaMD- und KI-Produkte zu unterstützen. Wenn Sie Unterstützung bei der klinischen Bewertung, der CER-Erstellung oder Ihrer EU-MDR-Strategie für klinische Daten benötigen, sprechen Sie mit einem Experten von Freyr über Ihre regulatorischen Herausforderungen.

